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Auf dieser Seite werden wir regelmäßig Texte zu Themen vorstellen, die uns beschäftigen. Das können Notizen aus unserer Arbeit sein oder auch Artikel, die Grundfragen für unsere Gesellschaft, die in der aktuellen Situation deutlich werden, aufgreifen und thematisieren.

17.06.2021

Übergänge und Zwischenräume - Zeiten und Orte des “Zwischen”

Wenn die Tage im Herbst kürzer werden, scheint mir der Übergang vom Nachmittag in den Abend hinein länger zu sein als im Sommer. Die „blaue Stunde“, in der es nicht mehr hell aber auch noch nicht dunkel ist, nehme ich in dieser Zeit bewusster wahr. Ich setzte mich dann manchmal in die Nähe der Fenster und erlebe, wie die Dunkelheit in den Raum hineinfließt und wie die Helligkeit des Tages weicht. Die Atmosphäre im Raum verändert sich, die Gegenstände sind nur noch schemenhaft erkennbar. Die äußere Veränderung wirkt auch auf mich, ich werde innerlich langsamer und ruhiger, wacher und präsenter. Es ist eine besondere Zeit für mich, in der ich den Übergang von der Helligkeit des Tages zur Dunkelheit der Nacht bewusst erleben und mich ihm überlassen kann. Anders ist es, wenn ich in dieser Zeit aus dem Haus und woanders hin muss und es kaum Straßenbeleuchtung gibt. Ich bin innerlich schon angespannt, bevor es losgeht. Beim Hinausgehen aus dem vertrauten Raum fühle ich mich unsicher und suche im Gehen nach mir bekannten Punkten, an denen in mich ausrichten kann. In der Dämmerung habe ich nicht das gleiche Orientierungsvermögen wie am Tag, und meine Fähigkeit, die Umgebung wahrnehmen zu können, ist deutlich geringer. Ich bewege mich langsam, mich vergewissernd, wo es Pfützen gibt, wo Pflastersteine herausragen oder wo Stufen zu überwinden sind. Auch jetzt hat die äußere Situation ihre Wirkung auf mich. Ich bin ebenfalls langsam und präsent und gleichzeitig fokussiert. Ich konzentriere mich darauf, nichts zu übersehen, was mich stolpern oder fallen machen könnte. Am Ende bin froh, wenn ich mein Ziel erreicht habe und an dem anderen Ort angekommen bin.

Diese beiden Szenarien sind Momente, die als Essenz enthalten, was ich mit diesem Jahr verbinde, Langsamkeit und bewusstes Wahrnehmen, Unsicherheit, Vorsicht und Ungewissheit. Dieses Jahr der Pandemie und der damit verbundene Lockdown ging einher mit einer atemberaubend schnellen Nutzung der digitalen Medien in allen Lebensbereichen. Journalisten sprechen bereits von einer „neuen Normalität“, dabei sind Entwicklungen und Ausgänge unklar, vieles ist im Fluss. Wir sind als Gesellschaft im Übergang, in der Phase zwischen der einen Ära und der anderen Ära. In Übergängen liegt die Aufmerksamkeit in der Regel noch auf vergangenem. Wir tendieren dazu, auf das Permanente zu fokussieren und Übergänge fallen nicht darunter, sie sind nicht von Dauer.

In vielen Kulturen haben Übergänge eine besondere Bedeutung, sie leiten von einem Lebensabschnitt in den anderen über, z.B. vom Jugendlichen zum erwachsenen Mitglied der Gesellschaft, vom aktiven Gemeinschaftsleben in eine passivere Alterszeit, von einer beruflichen Aktivität in eine andere. Weil Übergänge durch Unsicherheiten und Inkohärenzen bestimmt sind, werden sie mit feststehenden Inszenierungsformen gestaltet. Diese Rituale sollen in der Ungewissheit des Übergangs Orientierung und Halt geben.

Übergänge spielen sich immer auf zwei Ebenen ab, im Äußeren und im Inneren. Äußere Ereignisse wirken auf das innere Befinden und erzeugen eine bestimmte Dynamik. Das innere Befinden führt zu äußeren Veränderungen. Beide Bewegungen sind relevant, beide Entwicklungen gilt es wahrzunehmen, aufzunehmen, in Beziehung zu setzen und zu reflektieren. Das sieht man auch bei den Ritualen. Sie bestehen oft aus zwei Teilen, einem Rückzug, bei dem man sich der eigenen Unsicherheit, Angst und Ambivalenz aussetzt und einer Präsentation nach außen, bei der man mit der neu gewonnenen Identität in der Gemeinschaft auftritt und diese mit ihr gemeinsam feiert.

Im Übergang sein bedeutet, im „Zwischen“ zu sein, und so fühlt es sich auch an. Man verlässt das bekannte Terrain und bewegt sich auf ein unbekanntes Neues zu. Das Alte gilt nun nicht mehr und das Neue gilt noch nicht.  William Bridges nennt diese Zeit die von „emotional wilderness“: “You struggle for a time in a state, which is neither the old nor the new. It is a time of emotional wilderness. A time, where it is not clear, who you are and what is real”. Immer wieder ist man mal entmutigt und mal optimistisch. Man kennt sich nicht aus, erfährt sich als nicht kompetent, durchlebt die verschiedensten Gefühle und die dann ganz intensiv. Die inneren und äußeren Bewegungen sind nicht kohärent, mal sind die äußeren Veränderungen schneller und die inneren hinken hinterher oder es ist umgekehrt. Am Anfang weiß man noch nicht, dass das „gefühlte Durcheinander“ das Normale in einer Übergangszeit ist und kein Ausdruck der eigenen Inkompetenz.

Jeder Übergang hat seinen eigenen Rhythmus, seine „Eigenzeit“ und seinen eigenen Verlauf. Die Bewegungen geschehen nicht in regelmäßigen Abständen, sondern in Sprüngen, mal langsam und mal schnell. Auch wenn Menschen in Übergangszeiten dazu tendieren, den Blick nach vorne zu richten und so schnell wie möglich an das andere Ufer kommen wollen, so braucht doch jeder Übergang seine Zeit und in dieser Zeit eine Hinwendung zu dem, was momentan geschieht. Diese Hinwendung zum Gegenwärtigen beginnt mit dem Blick auf das, was enden wird und der Mühe des Loslassens. Man verlässt das bekannte Ufer und bewegt sich in die wenig bekannte Landschaft. Erst im Prozess des Übergangs werden die latenten Fragen und deren Antworten sichtbar. Man kann sie nicht durch geplantes systematisches Bearbeiten erzwingen, sondern kann ihnen nur Raum und Zeit geben, damit sie emergieren.

Und wenn das alles verstanden und akzeptiert ist, dann bleibt immer noch die Anstrengung, die Aufs und Abs auszuhalten, sich von Rückschlägen nicht deprimieren zu lassen und auf den Prozess zu vertrauen. Im Übergang sein bedeutet, durchgängig offen zu bleiben, sich dem auszusetzen, was geschieht und so das Erlebte und Beobachtete in Erfahrungen zu übersetzen. Dazu braucht es eine Haltung, die ich „I surrender“ nenne, sich dem Prozess zu überlassen, ohne zu wissen, wie der Ausgang ist. Die Paradoxie des Übergangs ist es, dass man ihn dadurch gestaltet, dass man sich ihm überlässt. Aus den Beobachtungen und Wahrnehmungen im Prozesses entstehen Handlungsoptionen, aus der Paradoxie von gleichzeitigem Überlassen und Gestalten erwächst das Neue.

Übergänge sind oft räumlich verortet. Das sehe ich in dem Haus, in dem wir wohnen. Es ist alt und hat einige Konstruktionen, die es heute in Neubauten nicht mehr gibt. So hat es einen kleinen Raum, der zwischen dem Treppenhaus, der Küche, der Speisekammer und dem Esszimmer liegt. Alle vier Räume haben ihre Tür in diesen Zwischenraum hinein, und man muss ihn durchqueren, wenn man vom Treppenhaus in die Küche oder von der Küche ins Esszimmer will. Die genannten Räume sind in ihren Funktionen klar definiert, nur nicht der kleine Raum, der dazwischen liegt, er ist nur der Zwischenraum. Ihn nehme ich gar nicht wirklich wahr, in meinem inneren Abbild von dieser Etage bleibt er im Vergleich zu den anderen Räumen vage und gewinnt kaum Gestalt.

Vielleicht macht das die Zwischenräume aus: dass sie nicht durch eine eindeutige Funktion definiert sind, dass sie eher vage und nicht scharf konturiert sind, dass sie als Ort jeweils „nur“ den Übergang bilden zwischen definierten Räumen mit definierten Funktionen und Gestalten? Das würde den Zwischenraum zu einem Ort machen, in den die Atmosphäre der angrenzenden Räume hineinfließen könnte, zu einem Raum des Sowohl-als-Auch, in dem das Latente seinen Platz hätte.

Diesem Raum gibt Martin Buber in seiner Philosophie eine besondere Bedeutung.  Er schaut auf den Raum zwischen den Menschen. Hier geschieht das Wesentliche, die Begegnung von Ich und Du, das wahrhaftige Gespräch. „Das Reich des Zwischen ist jenseits des Subjektiven, diesseits des Objektiven, auf dem schmalen Grat, darauf Ich und Du sich begegnen…“  und an einer anderen Stelle: „Die Sphäre des Zwischenmenschlichen ist die des Einander-Gegenüber; ihre Entfaltung nennen wir das Dialogische.“ Indem er das Sein nicht mehr vom Selbst, sondern vom „Zwischen“ her versteht, macht Buber das „Zwischen“ zu einer zentralen Kategorie seiner Philosophie.

Auch im Denken von Hannah Arendt ist das, was im „Zwischen-Reich“ verhandelt wird, das Wesentliche. Sie schaut dabei nicht auf das Einander-Gegenüber der Einzelnen, sondern weitet den Blick auf die Gesellschaft und darin auf die Beziehungen der Menschen untereinander. In ihren Denktagebüchern schreibt sie: „Recht und Unrecht, das Menschen einander antun, haben ihre Maßstäbe im Zwischen, richten sich nach dem, was zwischen Menschen beschlossen wurde – Vertrag, Kontrakt, ‚agreement‘ – was sie einander garantieren und was außerhalb des Reiches, d. h. des zwischen Menschen bestehenden und von ihnen kreierten Gebietes, dem Zwischen-Reich, nicht existiert. Das Zwischen ist das eigentlich Historisch-Politische…“

Wenn man genauer hinschaut, dann entdeckt man das Besondere der Übergänge und Zwischenräume. Sie sind fragil und haben doch ihren eigenen Charakter. Sie werden leicht betrachtet, als wären sie nicht relevant und sie sind doch von zentraler Bedeutung. In 2021 sollte unser wacher Blick darauf gerichtet sein, was in dieser Übergangszeit geschieht.

Mechtild Beucke-Galm

Frankfurt, im Frühjahr 2021

beuckegalm - 10:20 @ Gesellschaft